
Betrachtet man die Motive der Impressionisten mit den Augen der Pariser Salonjury, wirkt vieles daran fast wie eine Provokation. Statt antiker Helden und biblischer Szenen: ein Bahnhof, Kohlekähne, Fabrikschlote über dem Fluss, ein langweiliger Boulevard im Regen. Ungefähr so, als brächte heute jemand eine Bilderserie über eine Tiefgarage in eine Ausstellung.
Der erste Grund ist programmatischer Natur. 1863 veröffentlichte Charles Baudelaire seinen Essay „Der Maler des modernen Lebens“, in dem er das Recht der Gegenwart verteidigte, Gegenstand der Kunst zu sein. Nicht nur antike Helden in Togen, sondern auch gewöhnliche Menschen im Gehrock, Großstadtstraßen, Mode, Alltag. Die jungen Maler griffen diesen Gedanken auf. Und die Gegenwart der 1870er Jahre sah aus wie Gusseisen, Glas und Dampf.
Der zweite Grund ist praktisch und weit weniger romantisch. Die Farbe in Metalltuben, die John Goffe Rand 1841 patentieren ließ, erleichterte das Arbeiten im Freien erheblich. Auch die Eisenbahn spielte ihre Rolle: Sie verband Paris mit den Vorstädten, in die die Maler zum Arbeiten fuhren. Monet lebte in Argenteuil, Renoir kam dorthin zum Malen, und Pissarro arbeitete lange Zeit in Pontoise. Das waren nicht nur malerische Gegenden für Sonntagsspaziergänge, sondern Orte, in deren Nachbarschaft Fluss, Eisenbahn, Industrie und ganz gewöhnliches Stadtleben lagen. Die Maler fanden ihre Motive buchstäblich vor der Haustür – und sahen keinen Grund, einen Bogen um sie zu machen.
Der dritte Grund ist der interessanteste und ein rein malerischer. Rauch, Dampf und Nebel verändern das Licht zusehends: Sie streuen es, färben es, lösen die Konturen der Dinge auf. Die Luft wird gleichsam sichtbar. 1877 malte Monet eine ganze Serie im Pariser Bahnhof Saint-Lazare. Unter dem Glasdach füllt der Dampf den Raum, und die Lokomotiven lösen sich stellenweise beinahe darin auf. Später, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, malte Monet das Londoner Parlamentsgebäude durch den Nebel hindurch und kehrte immer wieder zu demselben Motiv in wechselndem Licht zurück. Der Nebel ist hier kein Hindernis, das man abwarten muss, sondern Teil des Motivs selbst.
Der „hässliche Ort“ ist also eher eine Kategorie des historischen Geschmacks als der Malerei. Die Impressionisten haben gezeigt, dass das künstlerische Interesse weniger vom Gegenstand selbst abhängt als davon, wie das Licht auf ihn fällt und wie es sich im Lauf des Tages verändert. Ein Fabrikschlot im Abendlicht kann für einen Maler nicht weniger reizvoll sein als eine Marmorsäule. Nur galt die Säule eben schon lange als würdiger Gegenstand der Kunst – der Schlot musste sich diese Anerkennung erst noch erwerben.