
Tiere waren schon in der Kunst, lange bevor der Mensch sich selbst darstellte. In den Höhlen von Lascaux galoppierten wilde Stiere über die Wände, Jahrtausende bevor das erste menschliche Gesicht gemalt wurde. Dennoch hielt die akademische Hierarchie die Tiermalerei und Tierskulptur jahrhundertelang im Hintergrund – irgendwo zwischen Stillleben und Landschaftsmalerei. In den Pariser Salons der 1830er-Jahre wurde der Begriff „Animalier“ bisweilen spöttisch verwendet, wenn es um den Bildhauer Antoine-Louis Barye und seine Bronzelöwen ging.
Heute gehört dieser Snobismus der Vergangenheit an. An seine Stelle ist eine überraschende Erkenntnis getreten: Gerade Tiere erweisen sich als angenehme Begleiter im eigenen Zuhause. Ein Porträt blickt uns stets an, als erwarte es eine emotionale Reaktion. Eine Landschaft zieht den Blick in die Ferne. Aber Dürers berühmter „Feldhase“ ist einfach da. Er erwartet nichts von uns. Man kann ihn einfach betrachten und dabei immer neue Details entdecken. Der Blick gleitet über die Struktur des Fells, verweilt bei den aufmerksam aufgerichteten Ohren und nimmt wahr, wie viel Aufmerksamkeit der Künstler einem anderen Lebewesen gewidmet hat. In diesem Moment kommt der innere Monolog endlich zur Ruhe.
Die Magie guter Tierkunst liegt in der Genauigkeit der Beobachtung, nicht darin, Niedlichkeit erzeugen zu wollen. Um den Hengst Whistlejacket lebensgroß zu malen, studierte George Stubbs jahrelang die Anatomie von Pferden. Rosa Bonheur erhielt von der Pariser Polizei die Erlaubnis, Hosen zu tragen – andernfalls wäre es für sie wesentlich schwieriger gewesen, auf Schlachthöfen und Viehmärkten zu arbeiten. François Pompon wiederum entschied sich für radikalen Minimalismus: Er ließ an der Figur seines Eisbären alles Überflüssige weg und bewahrte nur eine glatte, fließende Silhouette. Dieses Werk brachte dem Bildhauer 1922, im Alter von 67 Jahren, Weltruhm.
Wie beginnt man die Suche nach einem Werk für die eigene Sammlung? Erstens: Suchen Sie nach Lebendigkeit, nicht nach bloßer Dekoration. Die natürliche Haltung einer Pfote überzeugt mehr als eine künstlich erzeugte Atmosphäre. Zweitens: Achten Sie auf Gemälde mit ausdrucksstarker Oberflächenstruktur. Ein kraftvoller Pinselstrich lässt das Tier beinahe greifbar werden. Und die wichtigste Regel: Holen Sie sich kein Tier ins Haus, dem Sie nicht jeden Morgen gern begegnen würden. Schließlich müssen Sie mit ihm leben, nicht die Kunstkritiker.