
Das Wort „Laie“ klingt in Gesprächen über Kunst fast wie eine Diagnose: Der Betreffende habe sich zwar bemüht, es aber nicht geschafft. In Wirklichkeit ist die Sache interessanter, und die Geschichte der Malerei hat mehr als einmal an dieser Einschätzung gerüttelt.
Eine akademische Ausbildung bedeutet einen riesigen Vorrat an fertigen Lösungen. Wie man eine Figur aufbaut, wohin der Reflex gehört, wie man eine Stofffalte malt, damit sie noch aus fünf Metern Entfernung lesbar bleibt. All das ist unbezahlbar und spart Jahre. Doch jeder Vorrat an Lösungen hat eine Nebenwirkung: Die Hand antwortet mitunter schneller, als der Künstler sich die Frage überhaupt stellen kann. Das Ergebnis ist korrekt, solide – und manchmal allzu ähnlich dem, was die anderen auch machen.
Beim Autodidakten fehlt dieser Filter womöglich. Henri Rousseau arbeitete beim Pariser Zoll und malte seine berühmten Dschungelbilder, ohne je in den Tropen gewesen zu sein: Er ging in den Botanischen Garten, betrachtete Pflanzen und Buchillustrationen. Aus Sicht der akademischen Perspektivlehre wirkt sein Dickicht ungewöhnlich, die Blätter fügen sich beinahe zu einem Ornament. Genau diese Flächigkeit und Dekorativität machen die Bilder so bannend. Picasso, ein Maler mit gründlicher akademischer Schulung, richtete im November 1908 im „Bateau-Lavoir“ das berühmte Bankett zu Ehren Rousseaus aus. Es war zugleich freundschaftliche Unterstützung und eine Art künstlerisches Spektakel im Bohème-Milieu des Montmartre. Rousseau weckte bereits das Interesse junger Maler und Dichter, auch wenn seine Arbeiten nach wie vor häufig Anlass zum Spott gaben. Das Bankett ist deshalb nicht als Beleg allgemeiner Anerkennung wichtig, sondern als Zeichen dafür, dass einige Künstler in seiner ungewöhnlichen Manier keinen Mangel sahen, sondern eine eigenständige künstlerische Kraft.
Niko Pirosmani malte Schilder für die Schenken von Tiflis und arbeitete auf schwarzem Wachstuch, wobei er die dunkle Oberfläche zum Bestandteil des Bildes machte. Wo ein anderer Maler den Hintergrund ausgearbeitet hätte, konnte Pirosmani das schwarze Material offen stehen lassen. So entstand ein knappes, ausdrucksstarkes Bild – ohne dass jede Stelle der Leinwand gefüllt werden musste. Anna Mary Robertson, die die Welt als Grandma Moses kennt, begann erst im hohen Alter ernsthaft zu malen, als Arthritis ihr das Sticken unmöglich machte. Ihre Szenen des ländlichen Lebens wurden mit der Zeit weithin bekannt und gelangten in Museumssammlungen.
Nur sollten wir nichts romantisieren: Die meisten Laienarbeiten bleiben eben Laienarbeiten, und die fehlende Ausbildung allein rettet niemanden. Es geht nicht um Unwissen, sondern darum, dass zwischen Idee und Leinwand manchmal weniger Vermittler stehen – gewohnte Regeln, eingeübte Verfahren, die Angst, etwas falsch zu machen. Der Mensch malt einfach, was er sieht und fühlt, ohne zu ahnen, dass man das so „nicht darf“. Und bisweilen ist genau das am interessantesten.